Dr. Carolina Lenzi
ATLANTIS, XiVE

Sofortbelastung im zahnlosen Unterkiefer

Transgingivale XiVE-Implantate mit Suprastruktur von ATLANTIS ISUS

ZUSAMMENFASSUNG

 Eine Versorgungskonzepte mit Sofortbelastung, insbesondere in Verbindung mit Implantaten im anterioren Unterkiefer, zielen auf eine Vereinfachung der Verfahren ab sowie auf die Verkürzung der Einheilzeit und Verringerung der Dauer zwischen der chirurgischen und prothetischen Phase.

Die hohe Vorhersagbarkeit und klinische Evidenz dieses erstmals vor über 40 Jahren beschriebenen Versorgungskonzepts veranlasste uns dazu, den Ansatz in unserer Klinik zu übernehmen. Transgingivale Implantate tragen darüber hinaus dazu bei, das vielfach diskutierte Auftreten eines Mikrospalts im empfindlichen periimplantären Bereich zu vermeiden sowie die Gesamtbehandlungszeit, und dadurch die damit verbundenen Kosten, zu verringern.

Bei Verwendung von XiVE-Implantaten mit den Durchmessern 3,8 oder 4,5 mm hat der Anwender die freie Wahl zwischen subgingivaler und transgingivaler Ausführung. Der operative Eingriff ist dabei identisch. Des Weiteren stehen drei verschiedene prothetische Lösungen für die spezifischen Anforderungen des zahnlosen Patienten bereit. Basierend auf der Auswertung unserer klinischen Ergebnisse, können wir eine langfristige Stabilität des Hartgewebes und den erfolgreichen Erhalt des Weichgewebes demonstrieren.

STUDIENLAGE

Langzeitstudien belegen die erfolgreiche Rehabilitation des zahnlosen Kiefers mit dentalen Implantaten. Die klassischen Richtlinien für die Osseointegration von Implantaten im Unterkiefer gehen von einer ungestörten Einheilzeit von drei Monaten aus. Neben der Vermeidung einer funktionellen Belastung sollte das Implantat beim zweizeitigen Vorgehen vor einer potenziellen Bakterienbesiedlung während der Osseointegration geschützt werden.1,2,3,4 Die lange Einheilzeit kann jedoch für zahnlose Patienten einen unerträglichen Zustand darstellen, da sie über einen längeren Zeitraum eine unpraktische herausnehmbare provisorische Prothese tragen müssen. Die Vorhersagbarkeit des ursprünglich zweizeitigen Prozedere führte zu Entwicklungen, die auf eine Vereinfachung der Verfahren, eine Verkürzung der Einheilzeit und Verringerung der Dauer zwischen der chirurgischen und prothetischen Phase abzielten. Zahlreiche Autoren konnten über positive klinische Ergebnisse im Zusammenhang mit einzeitigen Vorgehensweisen berichten.5,6,7,8 In mehreren Studien wurde nicht nur eine hohe Überlebensrate, sondern auch eine Erfolgsrate beobachtet, die durchaus mit derjenigen zweizeitiger Verfahren vergleichbar ist.9,10,11,12
Der Einsatz von transgingivalen Implantaten ohne Sofortbelastung vermeidet zunächst nur den zweiten chirurgischen Eingriff, löst jedoch nicht die unerträgliche Versorgungssituation für Patienten während der
Einheilphase.13,14,15

Der Widerstand einiger Patienten gegen das Tragen einer herausnehmbaren Prothese und die erfolgreiche Erforschung einfacherer Behandlungsprotokolle mit kürzeren Einheilzeiten führte zur Versorgungsoption mit Implantaten mit Sofortfunktion innerhalb von 48 Stunden nach der Insertion. Für eine erfolgreiche Vorgehensweise mit Sofortbelastung ist die Versorgung mit der provisorischen oder endgültigen Prothese innerhalb dieses Zeitraums eine zwingende Voraussetzung.16,17,18,19

Mittlerweile wurden über Verfahren mit Sofortbelastung gute Ergebnisse berichtet – insbesondere für Implantatinsertionen im anterioren Unterkiefer. Mehrere Vorgehensweisen wurden vorgeschlagen, bei denen das Tragen einer fixierten Prothese während der Osseointegration ohne negative Auswirkung auf den Langzeiterfolg möglich ist.20,21,22,23




LÖSUNGSKONZEPTE

Die evidenzbasierten chirurgischen und klinischen Konzepte umfassen die Insertion von vier sofortbelasteten Implantaten in die interforaminale Region, die eine herausnehmbare Prothese stützen. Zur Befestigung der Suprakonstruktion wird eine stabile Verbindung gefertigt, um Mikrobewegungen an der Implantat-Knochen-Grenze zu verringern und eine erfolgreiche Osseointegration zu gewährleisten. Die spezifische Vorgehensweise, bei der vier transgingivale XiVE-Implantate in die interforaminale Region des Unterkiefers eingesetzt werden, umfasst die Möglichkeit, zwischen unterschiedlichen prothetischen Lösungen zur Versorgung von zahnlosen Patienten zu wählen. Je nach der individuellen klinischen Situation und den Anforderungen des Patienten können unterschiedliche Prothetikkonzepte verfolgt werden, die von einer klassischen Lösung mit einer Deckprothese auf einem U-förmigen Steg bis hin zu einer fixierten Prothese mit einem starren Innengerüst reichen. Mit den XiVE-TG-Implantaten sind demnach praktische prothetische Lösungen durch die Verwendung von vorgefertigten oder individuellen Bauteilen möglich, und sie weisen die oben genannten Vorteile von transgingivalen Implantaten auf.

Die Versorgung mit XiVE-TG-Implantaten in Verbindung mit einer Sofortbelastung ist für den Patienten eine äußerst preiswerte Lösung, da die Fertigung einer temporären Versorgung nicht unbedingt erforderlich ist und die vorhandene Prothese mit vorgefertigten Aufbauten verwendet werden kann. Der maschinierte und leicht konische Implantathals lässt sich mit Zahnzwischenraumbürsten einfach reinigen, was sogar für ältere Patienten und Patienten mit eingeschränkter Bewegungsfähigkeit möglich ist. Wir haben die Langzeitergebnisse von Patienten, die in unserer Klinik nach diesem Konzept therapiert wurden, ausgewertet, um den langfristigen Erfolg von sofortbelasteten Versorgungen des Unterkiefers zu überprüfen. Bewertet wurden die Stabilität des Hart- und Weichgewebes sowie der Einfluss einer adäquaten Handhabung und Pflege. Die entsprechenden Parameter wurden für jeden Fall mehrmals überprüft. Im Rahmen dieser Untersuchung wurden die Behandlungsresultate von 20 Patienten bewertet, die auf die beschriebene Weise versorgt wurden. Alle Probanden wiesen einen guten Gesundheitszustand auf. Vor der Operation wurden klinische Untersuchungen und Röntgenuntersuchungen durchgeführt. Eine CT-Analyse erfolgte nach Bedarf. Um eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse zu gewährleisten, wurden alle Patienten derselben chirurgischen Vorgehensweise unterzogen. Diese wird in den folgenden klinischen Beispielen dargelegt.

FALLBERICHTE

Nach einem krestalen Schnitt wurde ein Mukoperiostlappen gebildet und vier XiVE-TG-Implantate in die interforaminale Region inseriert (Abb. 1 bis 3). Das Bohrprotokoll wurde gemäß den Angaben des Herstellers eingehalten. Es war zwingend erforderlich, nach der Implantatinsertion eine gute Primärstabilität zu erzielen (mindestens 35 N), denn diese gilt als Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Sofortbelastung. Hierfür wurden die RFA-Werte gemessen (Osstell ISQ, Osstell AB, Göteborg, Schweden, Abb. 4). Die Knochenklasse, die in dieser anatomischen Region gewöhnlich als D II oder D III klassifiziert werden kann, das knochenspezifische XiVE-Aufbereitungsprotokoll und das knochenkondensierende Gewindedesign spielen bei der Erzielung einer optimalen Primärstabilität eine wichtige Rolle.16,24

Die anschließende Abformung kann beim XiVE-TG-Implantat beispielsweise unter Verwendung eines Polyethermaterials entweder vor oder nach dem Nahtverschluss durchgeführt werden (Abb. 5 bis 8). Bei letzterer Vorgehensweise erhält der Zahntechniker bereits annähernd die korrekte Dicke des Weichgewebes. Die provisorische oder endgültige Prothese kann je nach Behandlungskonzept innerhalb von 48 Stunden hergestellt und eingesetzt werden. Die wirtschaftlichste und einfachste Versorgung erfolgt mit einer Deckprothese auf einem konfektionierten Steg. Die Suprakonstruktion kann je nach vertikaler Dimension mit oder ohne rosafarbenen Kunststoff gefertigt werden (Abb. 9 bis 14). Die Nähte werden in der Regel nach vierzehn Tagen entfernt und nach drei Monaten wird eine Nachuntersuchung anberaumt. Die ersten drei Monate nach der Operation sind entscheidend für eine erfolgreiche Osseointegration der Implantate und die Ausheilung des Weichgewebes. Den Patienten wird daher geraten, während des ersten Monats weiche Kost zu sich zu nehmen und die Mundhygieneanweisungen zu befolgen. Die Aufbauten sollten während der Einheilphase und insbesondere in den ersten sechs Wochen möglichst nicht entfernt werden, da das zum Lösen von Aufbauschrauben ausgeübte Drehmoment die Osseointegration beeinträchtigen kann.

Der Einheilprozess bei einer provisorischen Rehabilitation wird drei Monate nach Einbringung der provisorischen Versorgung überprüft. Nach der Kontrolle der Osseointegration kann die endgültige Prothese hergestellt werden. Die Herstellung von implantatgetragenen festsitzenden Brücken, die sich mittels der traditionellen „Lost-Wax-Technik“ über den gesamten Zahnbogen ausdehnen, ist nach wie vor eine handwerkliche Herausforderung. Die Rehabilitation kann durch einen Verzug der Legierung während des Gussvorgangs und dem Erhitzen während des Aufbrennes der Keramik beeinträchtigt werden. Heutzutage können Passungsprobleme mit der CAD/CAM-Technologie zur Herstellung von weitspannigen Titanbrücken oder Titanbrücken über den gesamten Zahnbogen (Abb. 15 bis 17) eliminiert werden.

Die hohe Präzision der CAD/CAM-Verfahren brachte somit eine verbesserte Genauigkeit der endgültigen prothetischen Rehabilitation mit sich. Zu diesen Möglichkeiten zählen Implantat-Suprakonstruktionen mit ATLANTIS ISUS, die die Herstellung einer präzisen endgültigen Mesostruktur ermöglichen, die sowohl mit Keramik als auch mit Komposit vervollständigt werden kann. Für perfekte Ergebnisse ist daher eine sehr genaue Abformung unbedingt erforderlich. Für die Aufrechterhaltung und Erzielung positiver Langzeitergebnisse ist ein regelmäßiger Termin alle sechs Monate zur Untersuchung der korrekten Position von Implantat, Prothese und Gewebe sehr wichtig. Darüber hinaus wird bei diesem Termin die Mundhygiene kontrolliert und eine professionelle Zahnreinigung durchgeführt.

  • Abb. 1: Das Operationsfeld des ersten Falls ist nach Bildung eines Mukoperiostlappens übersichtlich dargestellt. Jetzt ist die anatomische Struktur beurteilbar. Eine Osteotomie des Kieferkamms wird bei Bedarf durchgeführt.
  • Abb. 2: Während der Implantatbett-Präparation kann die korrekte Implantatposition mit Parallelisierungshilfen überprüft werden.
  • Abb. 3: Die XiVE-TG-Implantate werden in die interforaminale Region inseriert.
  • Abb. 4: Anschließend werden die RFA-Werte gemessen (Osstell IS Q).
  • Abb. 5: Das Weichgewebe wird reponiert und vernäht.
  • Abb. 6: Die FRIADENT- Übertragungsaufbaute für die PickUp-Technik werden in die
    Implantate eingesetzt.
  • Abb. 7: Die Abdrucknahme erfolgt mit einem Polyethermaterial.
  • Abb. 8: Abdruck mit den integrierten FRIADENT-Übertragungsaufbauten für die PickUp-Technik
  • Abb. 9: Der im Labor gefertigte Steg, der die Prothese stabilisieren soll, wird innerhalb von 24 Stunden nach der Implantatinsertion in den Mund des Patienten eingesetzt.
  • Abb. 10: Röntgenkontrolle 24 Monate nach Implantatinsertion
  • Abb. 11: Dieser zweite Fall veranschaulicht, wie die Suprakonstruktion zur Korrektur von fehlendem Gewebe mittels rosafarbenen Kunststoffs verwendet werden kann.
  • Abb. 12: Röntgenaufnahme dieses Falls nach 24 Monaten: Das starre Gerüst und die
    stabile Knochensituation sind sichtbar.
  • Abb. 13: In einem anderen Fall wurde die Suprakonstruktion aufgrund der günstigen vertikalen Dimension ohne zusätzliches rosafarbenes Material gefertigt.
  • Abb. 14 Röntgenaufnahme dieses Falls nach 24 Monaten
  • Abb. 15 a und b: Abbildung der mit dem Computer entwickelten
    und hergestellten ATLANTIS ISUS Brücke für die defi nitive Versorgung
    eines weiteren Falls
  • Abb. 15 b
  • Abb. 16: Für die ästhetische Rehabilitation dieses Falls wurde Keramik verwendet.
  • Abb. 17: Die gesunden und stabilen Hart- und Weichgewebsverhältnisse nach 24 Monaten bei einem anderen Fall, der ebenfalls mit einer CAD/CAM-Struktur versorgt wurde.

SCHLUSSFOLGERUNG

In der aktuellen Fachliteratur werden mehrere Studien beschrieben, in denen die Ausheilung des Weichgewebes bewertet und ein Vergleich zwischen gedeckt und nicht-gedeckt einheilenden Implantaten gezogen wird. Die Ergebnisse dieser Studien bestätigten, dass die Dimension der biologischen Breite bei transgingivalen Implantattypen signifikant kleiner ist als bei klassischen zweiteiligen Implantaten mit Mikrospalt. Darüber hinaus lag der gingivale Rand bei transgingivalen Implantaten im Vergleich zu den Implantatvarianten für eine subgingivale Insertion signifikant weiter koronal. Diese Ergebnisse lassen auf eine Adaptation der Mikrogefäße der Mundschleimhaut in der Umgebung von transgingivalen Implantattypen schließen, die den Verhältnissen um natürliche Zähne herum stärker ähneln als klassische zweiteilige Implantate, unabhängig davon, ob diese einzeitig oder zweizeitig angewendet werden.26,28,29

Anscheinend bildet sich klinisch ein ausgereiftes, periimplantäres Weichgewebe bei einer einzeitigen chirurgischen Vorgehensweise etwa vier Wochen nach der Implantatinsertion. Die Osseointegration ist zwar eine Voraussetzung für eine langfristige Implantatstabilität, aber eine dichte Anlagerung des Weichgewebes an der Titanoberfläche im koronalen Bereich ist ebenso notwendig. Auf diese Weise wird eine mikrobakterielle Besiedlung und die Bildung einer pathologischen Umgebung vermieden, die den Prozess der Osseointegration behindern könnte. Dadurch wird sowohl das Hart- als auch das Weichgewebe erhalten.30,27 In der aktuellen Fachliteratur werden statistisch signifikante Unterschiede bezüglich des Mittelwerts der keratinisierten Gewebehöhe post operationem angegeben: Bei subgingival eingesetzten Implantaten im Vergleich zu transgingivalen Implantattypen ist diese signifikant niedriger.
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Die Nachbeobachtung der mit dem beschriebenen Verfahren behandelten Fälle in unserer Klinik zeigt eine optimale Integration der Implantate in das Hartgewebe sowie eine ideale Ausheilung und Adaptation des Weichgewebes über und um den Implantathals herum. Die längste Beobachtungsdauer beträgt mehr als acht Jahre. Aufgrund der hohen Überlebensrate der Implantate (die Erfolgsrate beträgt bisher 100 Prozent) und der günstigen Gewebereaktion kann das transgingivale Implantat für den klinischen Einsatz und speziell für die beschriebene Indikation empfohlen werden. Die Vorteile des XiVE-Implantats sind insbesondere die wirtschaftliche und erfolgversprechende Rehabilitation des zahnlosen Unterkiefers, die der Patient sehr zu schätzen weiß.

Abrechnung und Literatur

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